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Kapverden: Bevölkerung, Sprache und Religion 

Schmelztiegel im Atlantik: Bevölkerung, Sprache und Glaube auf den Kapverden


Mehr Kapverdianer leben im Ausland als zu Hause, fast alle sprechen zwei Sprachen und feiern katholische Feste mit afrikanischen Wurzeln. Wie diese Nation entstand.

Praia (Santiago) – Als die Portugiesen 1460 die Kapverden erreichten, war dort niemand. Kein Volk, keine Sprache, keine Tradition. Alles, was diese Inseln heute ausmacht, ist in den Jahrhunderten danach entstanden, aus der Begegnung zweier Kontinente unter denkbar brutalen Bedingungen.

Genau das macht die Kapverden einzigartig. Sie sind kein Land mit einer kreolischen Minderheit. Sie sind ein kreolisches Land, von Grund auf.


Wie aus leeren Inseln eine Nation wurde

Die Portugiesen brauchten einen Stützpunkt im Atlantik, und sie fanden ihn hier. Von Santiago aus organisierten sie den Handel mit versklavten Menschen aus Westafrika, die nach Amerika verschifft wurden. Ribeira Grande, das heutige Cidade Velha, war die zentrale Drehscheibe dieses Geschäfts.

Auf den Inseln blieben Menschen zurück: portugiesische Siedler, Verbannte, Händler und versklavte Afrikaner aus unterschiedlichsten Völkern. Sie hatten keine gemeinsame Sprache und keine gemeinsame Herkunft.

Aus dieser Zwangsgemeinschaft entstand etwas Neues. Eine Sprache, die es vorher nicht gab. Eine Musik, die beide Seiten vereint. Und eine Gesellschaft, in der Herkunft weniger zählt als das gemeinsame Inseldasein.

Morabeza, das Wort, das alles erklärt

Kapverdianer beschreiben ihre eigene Art mit einem Wort, das sich kaum übersetzen lässt: Morabeza.

Gemeint ist eine Mischung aus Gastfreundschaft, Herzlichkeit und Gelassenheit. Fremde werden nicht als Fremde behandelt. Man nimmt sich Zeit, man grüßt, man hilft.

Reisende merken das schnell. Wer auf Sal oder Santiago nach dem Weg fragt, bekommt oft eine Begleitung statt einer Wegbeschreibung. Das ist kein Tourismusprogramm, sondern Alltag.


Bevölkerung: jung, städtisch, in Bewegung

Auf den Kapverden leben rund 550.000 bis 560.000 Menschen. Das ist ungefähr die Einwohnerzahl von Hannover, verteilt auf neun bewohnte Inseln.

Die Bevölkerung ist jung. Etwa 30 Prozent sind unter 15 Jahre alt. Wer durch Praia oder Assomada läuft, sieht das sofort: Schuluniformen prägen das Straßenbild.

Die Mehrheit ist kreolischer Abstammung, im amtlichen Sprachgebrauch Mestiço. Dazu kommen Minderheiten mit überwiegend afrikanischer oder europäischer Herkunft. In der Praxis spielt diese Einteilung im Alltag kaum eine Rolle.

Die Menschen ziehen in die Städte

Rund 67 Prozent der Kapverdianer leben heute in städtischen Zentren, vor allem in Praia auf Santiago und in Mindelo auf São Vicente.

Dahinter steht eine Bewegung innerhalb des Archipels. Die wirtschaftlich starken Inseln wachsen: Santiago als politisches Zentrum, Sal und Boa Vista wegen des Tourismus. Auf Sal arbeiten viele Menschen, die von anderen Inseln stammen.

Die gebirgigen Inseln verlieren dagegen Einwohner. Santo Antão, São Nicolau und Brava sind landwirtschaftlich geprägt, und junge Menschen finden dort wenig Perspektive. Ganze Dörfer sind heute deutlich leerer als vor zwanzig Jahren.

Die Nation ohne Grenzen

Der auffälligste Zug der kapverdischen Demografie liegt außerhalb der Kapverden. Es leben mehr Kapverdianer im Ausland als auf den Inseln.

Die Gründe reichen weit zurück. Immer wieder trafen schwere Dürren das Land, teils mit Hungersnöten. Wer bleiben wollte, konnte oft nicht. Also gingen die Menschen.

Im 19. Jahrhundert heuerten Männer von Brava und Fogo auf amerikanischen Walfängern an und ließen sich in Neuengland nieder. Später folgten Auswanderungswellen nach Portugal, in die Niederlande, nach Frankreich, Luxemburg und Italien.

Diese Diaspora ist für das Land wirtschaftlich zentral. Rücküberweisungen aus dem Ausland gehören zu den wichtigsten Devisenquellen der Kapverden. Viele Familien finanzieren damit Hausbau, Schule und Gesundheitsversorgung.

Kulturell wirkt sie ebenso stark. Rückkehrer bringen Geld, Ideen und Sprachen mit. Die Sehnsucht nach der Heimat, auf Kriolu Sodade, ist das große Thema der kapverdischen Musik, weltbekannt durch Cesária Évora.


Zwei Sprachen, eine Alltagswirklichkeit

Wer die Kapverden verstehen will, muss die Sprachsituation verstehen. Denn hier wird nicht eine Sprache gesprochen, sondern zwei, mit klarer Arbeitsteilung.

Portugiesisch: die Amtssprache

Portugiesisch ist Amtssprache. Es wird in Regierung und Verwaltung verwendet, in Schule und Universität, vor Gericht und in den offiziellen Medien. Gesetze, Formulare und Zeitungen erscheinen auf Portugiesisch.

Fließend sprechen es allerdings nur etwa 35 bis 40 Prozent der Bevölkerung, vor allem in den Städten und in formal gebildeten Schichten. Für viele Kapverdianer ist Portugiesisch eher eine Zweitsprache, die in der Schule erworben wird.

Kriolu: die Sprache des Herzens

Gesprochen wird im Alltag Kriolu, das kapverdische Kreol. Nahezu alle Kapverdianer beherrschen es, und für die meisten ist es die Muttersprache.

Kriolu entstand aus der beschriebenen Zwangsgemeinschaft. Der Wortschatz stammt überwiegend aus dem Portugiesischen, die Grammatik trägt deutlich westafrikanische Züge. Es ist keine vereinfachte Variante des Portugiesischen, sondern eine eigenständige Sprache mit eigener Struktur.

In Kriolu wird gesungen, geflirtet, gestritten und getrauert. Die Morna von Cesária Évora ist Kriolu. Die Literatur des Landes verwendet es zunehmend. Und wenn ein Kapverdianer emotional wird, wechselt er ins Kriolu, egal wie gut sein Portugiesisch ist.

Nord und Süd sprechen verschieden

Kriolu ist nicht überall gleich. Es teilt sich in zwei Dialektgruppen, passend zur Geografie des Archipels.

Die Barlavento-Varianten werden im Norden gesprochen, auf São Vicente, Santo Antão, São Nicolau, Sal und Boa Vista. Sie gelten als klangvoller und stehen dem Portugiesischen etwas näher.

Die Sotavento-Varianten gehören zum Süden, vor allem zu Santiago, Fogo, Maio und Brava. Das Kriolu von Santiago, das Badiu, gilt als das älteste und afrikanischste.

Die Unterschiede sind hörbar, aber kein Hindernis. Kapverdianer aus Nord und Süd verstehen einander problemlos.

Und was sprechen Sie im Urlaub?

Englisch und Französisch werden in der Schule unterrichtet. Im Tourismus, also auf Sal und Boa Vista, kommen Sie mit Englisch gut zurecht.

Abseits der Hotelzonen sieht es anders aus. In Espargos, Assomada oder in den Bergdörfern hilft Portugiesisch mehr als Englisch. Ein paar Brocken öffnen Türen: "Bom dia" am Morgen, "Obrigado" oder "Obrigada" zum Dank, "Quanto custa?" für die Frage nach dem Preis.

Wer Eindruck machen will, sagt auf Kriolu "Tudo bom?", also "Alles gut?". Die Reaktion ist die Mühe wert.


Glaube: katholisch geprägt, afrikanisch durchwirkt

Die Kapverden sind überwiegend katholisch. Je nach Erhebung bekennen sich 77 bis 85 Prozent der Bevölkerung zum katholischen Glauben, eine direkte Folge der portugiesischen Kolonisierung.

Sichtbar wird das vor allem in den Festen. Kirchweihfeste und Heiligentage strukturieren den Kalender der Gemeinden. Sie sind religiöse Anlässe und Volksfeste zugleich, mit Prozession, Musik, Essen und Tanz.

Bekannt ist etwa das Fest des heiligen Johannes, auf Kriolu São João, das im Juni vor allem auf Santo Antão mit Trommeln und Umzügen begangen wird.

Freikirchen wachsen

Neben der katholischen Kirche haben protestantische Gemeinden eine feste Größe erreicht. Besonders präsent sind die Kirche des Nazareners, die Siebenten-Tags-Adventisten und verschiedene Pfingstgemeinden.

Ihre Bedeutung nimmt zu, teils vermittelt über die Diaspora in den USA, wo kapverdische Gemeinden seit Generationen bestehen.

Wo Afrika im Christentum weiterlebt

Wie überall in der kreolischen Welt haben sich christliche Formen mit afrikanischen Traditionen verflochten. Man spricht von Synkretismus.

Sichtbar wird das bei Festen, in Trauerritualen und in der Musik. Batuku und Tabanka auf Santiago tragen Elemente, die aus westafrikanischen Traditionen stammen, werden aber selbstverständlich neben kirchlichen Anlässen gepflegt. In ländlichen Regionen spielt auch die Erinnerung an die Ahnen eine größere Rolle, als es der offizielle Katholizismus vorsieht.

Für Besucher ist das kein Widerspruch, sondern schlicht kapverdische Normalität.

Religionsfreiheit im Alltag

Die Verfassung garantiert Religionsfreiheit, und sie wird gelebt. Konflikte zwischen den Konfessionen sind praktisch unbekannt.

Kleinere Gemeinschaften, darunter Muslime und Baha'i, gehören ebenfalls zum Bild. Die muslimische Präsenz hängt eng mit Zuwanderung aus Westafrika zusammen, vor allem aus Senegal und Guinea-Bissau. Viele der Händler in Santa Maria gehören dazu.


Eine Gesellschaft, die aus dem Bruch entstand

Die Kapverden gelten in Westafrika als politisch stabil und gesellschaftlich friedlich. Das ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, woraus dieses Land hervorging.

Aus dem Sklavenhandel entstand eine Sprache. Aus Dürre und Auswanderung entstand ein globales Netzwerk. Aus einer aufgezwungenen Religion entstand ein Glaube mit eigenem Rhythmus.

Die Kapverdianer selbst fassen das gern in einem Satz zusammen, den Besucher immer wieder hören: "No stress." Wer diese Geschichte kennt, versteht, dass dahinter mehr steckt als Urlaubsgelassenheit.