Was ist der Calima? Saharastaub über den Kapverden
Calima auf den Kapverden: Wenn die Sahara über den Atlantik fliegt

Milchiger Himmel, Staub auf der Motorhaube, gedämpfte Sonne: Was hinter dem Phänomen steckt und wie Sie damit umgehen.
Sal – Der Himmel sieht aus wie an einem trüben Novembertag in Norddeutschland. Die Sonne steht als blasse Scheibe darüber, der Horizont verschwimmt, und auf dem Mietwagen liegt eine feine rötliche Schicht. Dabei regnet es nicht, und kühl ist es auch nicht.
Willkommen beim Calima, dem Moment, in dem die Sahara den Kapverden einen Besuch abstattet.
Was der Calima eigentlich ist
Calima bezeichnet trockene, staubbeladene Winde, die feinen Sand und Mineralstaub direkt aus der Sahara über den Atlantik bis zu den Kapverden tragen.
Der Begriff stammt aus dem Spanischen und ist auch auf den Kanaren geläufig. Gemeint ist weniger der Wind selbst als das, was er mit sich führt: Millionen Tonnen Wüstenstaub, verteilt in der Luft.
Für Besucher ist es ein eindrucksvolles Naturereignis. Und es macht auf einen Schlag greifbar, wie nah diese Inseln Afrika tatsächlich liegen. Zwischen der senegalesischen Küste und Boa Vista liegen kaum 570 Kilometer. Was in der Wüste aufgewirbelt wird, kommt hier an.
Das Video verdeutlicht die Veränderung bei Harmattan (beispiel aus Ghana)
Der Motor: die Passatwinde
Um den Calima zu verstehen, muss man den Passat verstehen. Er ist der Grund, warum die Kapverden überhaupt so sind, wie sie sind.
Ein planetares System
Passatwinde entstehen aus dem Temperaturgefälle zwischen Äquator und den mittleren Breiten. Am Äquator steigt erhitzte Luft auf, strömt in großer Höhe polwärts und sinkt in den Subtropen wieder ab. Von dort fließt sie an der Oberfläche zurück Richtung Äquator.
Weil sich die Erde dabei unter dieser Strömung hinwegdreht, wird sie abgelenkt. Auf der Nordhalbkugel entsteht so eine beständige Luftbewegung aus Nordost. Genau darin liegen die Kapverden.
Der Name stammt aus der Seefahrt. Portugiesische und spanische Segler nutzten diese verlässlichen Winde jahrhundertelang für die Überfahrt nach Amerika. Im Englischen heißen sie deshalb bis heute Trade Winds, die Handelswinde.
Was der Passat für die Inseln bedeutet
Drei Dinge verdanken die Kapverden diesem System.
Die Trockenheit. Die absinkende Luft der Subtropen ist stabil und trocken. Wolken bilden sich schwer. Deshalb hat das Archipel über 300 Sonnentage im Jahr und kaum Regen.
Die angenehme Hitze. Obwohl die Inseln in den Tropen liegen, wird es selten unerträglich. Die ständige Brise kühlt, und die drückende Schwüle anderer Tropenziele bleibt aus.
Den Wassersport. Von November bis März weht der Passat besonders kräftig, mit durchschnittlich 33 bis 35 Kilometern pro Stunde in den Spitzenmonaten. Das entspricht Windstärke 5 und macht Sal und Boa Vista zu internationalen Kitespots.
Und eben: den Calima.
Wenn der Wind die Wüste mitnimmt
Wenn die östlichen Passatwinde auffrischen, nehmen sie über der Sahara feinen Sand und Staub auf. Diese Partikel sind leicht genug, um in höhere Luftschichten zu gelangen, und werden dort nach Westen über den Ozean transportiert.
Das Phänomen zeigt sich vor allem in den wärmeren Monaten, vom späten Frühjahr bis zum frühen Herbst, wenn die östliche Komponente besonders ausgeprägt ist. Vereinzelt tritt es aber auch im Winter auf, etwa im Februar oder März.
Übrigens endet die Reise dieses Staubs nicht bei den Kapverden. Ein Teil davon legt bis zu 5.000 Kilometer zurück und düngt am Ende den Amazonas-Regenwald mit Phosphor. Die Kapverden liegen gewissermaßen auf halber Strecke dieser interkontinentalen Staubroute.
Wie sich ein Calima anfühlt
Ein paar Tage, manchmal eine Woche
Ein Calima-Ereignis hält in der Regel wenige Tage an. Gelegentlich zieht es sich über eine ganze Woche.
Danach dreht der Wind, die Luft klärt sich, und der Himmel kehrt zu seinem gewohnten Blau zurück. Meist geht das schneller, als man erwartet.
Der Himmel wird milchig
Die auffälligste Folge ist die eingeschränkte Sicht. Der Horizont verschwimmt, entfernte Inseln verschwinden, und über dem flachen Inselinneren von Sal oder Boa Vista sieht man deutlich weniger weit als sonst.
Das Sonnenlicht wird gestreut und gedämpft. Der Himmel wirkt trüb und diesig, manchmal mit einem leichten gelblichen oder rötlichen Stich.
Wer fotografiert, merkt es zuerst. Landschaftsaufnahmen verlieren an Kontrast, und Naturschauspiele, die direktes Sonnenlicht brauchen, fallen aus. Das Blaue Auge von Buracona auf Sal etwa zeigt sich an Calima-Tagen deutlich schwächer oder gar nicht.
Staub auf allem
Feine Sand- und Staubschichten legen sich auf Oberflächen, auf Gebäude, Fahrzeuge, Balkonmöbel und Handtücher.
Das ist harmlos, aber lästig. Wer einen Mietwagen hat, findet ihn morgens rötlich überzogen. Elektronik gehört in dieser Zeit besser in die Tasche, und Objektivwechsel im Freien verschiebt man auf später.
Gesundheit: was Sie beachten sollten
Der feine Staub in der Luft kann Augen und Atemwege reizen. Für die meisten Menschen bleibt es bei leichten Beschwerden: trockene Augen, ein Kratzen im Hals, eine gereizte Nase.
Kontaktlinsenträger spüren es oft zuerst. Augentropfen und eine Ersatzbrille sind in dieser Zeit eine gute Idee.
Für Menschen mit Atemwegserkrankungen, etwa Asthma oder COPD, ist der Calima dagegen ernster zu nehmen. Wer betroffen ist, sollte seine Bedarfsmedikation dabeihaben und bei starker Belastung Vorsicht walten lassen.
Was Sie bei starker Staubbelastung tun können
Wetterlage prüfen. Lokale Vorhersagen und Staubmeldungen geben Auskunft, wie stark und wie lange es wird.
Drinnen bleiben, wenn es heftig ist. Bei hoher Belastung ist der Aufenthalt in geschlossenen Räumen die einfachste Maßnahme, besonders für Risikogruppen.
Maske oder Tuch tragen. Bei längeren Aufenthalten im Freien hilft eine Atemschutzmaske, im Alltag genügt oft ein Schlauchtuch über Mund und Nase. Auf Quad- und Wüstentouren gehört das ohnehin dazu.
Augen schützen. Eine eng anliegende Sonnenbrille hält einen Großteil der Partikel ab.
Trinken. Die trockene, staubige Luft reizt die Schleimhäute zusätzlich. Viel Flaschenwasser hilft mehr, als man denkt.
Und ein Punkt, der regelmäßig unterschätzt wird: Der milchige Himmel täuscht. Auch wenn die Sonne gedämpft wirkt, bleibt die UV-Strahlung unvermindert hoch. Die schlimmsten Sonnenbrände holen sich Urlauber ausgerechnet an Calima-Tagen, weil sie die Strahlung nicht spüren.
Muss man deshalb umplanen?
Nein. Ein Calima verdirbt keinen Urlaub, er verändert ihn nur kurz.
Baden, Schnorcheln, Kitesurfen und Ausflüge sind weiterhin möglich. Der Wind bleibt schließlich, nur die Aussicht leidet. Wer allerdings ausdrücklich wegen der Fotografie oder wegen Buracona angereist ist, verschiebt diese Programmpunkte besser auf klarere Tage.
Und es hat auch etwas für sich. Ein Calima ist keine Wetterpanne, sondern ein Naturereignis von kontinentalem Ausmaß. Wer ihn erlebt, sieht mit eigenen Augen, wie eng diese Inseln mit Afrika verbunden sind.
Ein paar Tage milchiger Himmel, eine Staubschicht auf dem Auto und ein Sonnenuntergang in einem Rot, das es sonst nie gibt: Der Calima ist der Preis dafür, dass die Kapverden so nah an der Sahara liegen. Und gleichzeitig ihr eindrucksvollster Beweis dafür.
